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Verfasser: Gipfelstürmer
Datum: Donnerstag, den 14. Januar 2010, um 10:39 Uhr
Betrifft: Dissonanz und Glück

Hallo JesseX,

Du schreibst:

> Dieses Gefühl des "Glücklichseins" setzt bei den Gläubigen  gewiß eine Harmonie, also in diesem Falle eine Glaubensübereinstimmung mit dem Paradigma sowie den rituellen Handlungen ihrer Kirche voraus. Ist dieses Vertrauen gestört, und Trzoska hat es für mich überzeugend dargelegt, indem er auf seine Zweifel in Bezug auf das Buch Abrahem hinwies, ist natürlich dieser Einklang gestört.

Das kommt darauf an. Menschen durchlaufen in ihrem Leben meistens mehrere Stufen, wenn sie Spiritualität und Religion ernst nehmen. John Fowler hat diese in seinem Buch „Stages of Faith“ beschrieben. Diese Phasen sind konfessionsübergreifend. Es spielt also keine Rolle, ob man Mormone, Katholik, Jude oder Buddhist ist. Bei der ersten Stufe geht es um den rein kindlichen Glauben. In Stufe 2 ist man extrem autoritätshörig und denkt nicht eigenständig. In der 3. Stufe hat man sich zwar eine Meinung gebildet, diese ist aber sehr extrem. Man ist der Ansicht, die Dinge durchschaut zu haben und unterstellt allen Leuten, die der eigenen Überzeugung widersprechen, die Wahrheit nicht akzeptieren zu wollen oder zu können. In der 4. Stufe erkennt man die Widersprüche im eigenen Denken und durchlebt eine Sinnkrise. Kommt man in die 5. Stufe, so hat man gelernt, dass Ungereimtheiten zum religiösen Leben dazu gehören. Man erkennt sie als Teil von Spiritualität an und hat sich mit ihnen versöhnt. Oft finden Menschen in dieser Phase zu ihrem Glauben zurück, von dem sie sich in der 4. Stufe aufgrund von Disharmonien zwischen ihren ursprünglichen Überzeugungen und „dem Paradigma sowie den rituellen Handlungen ihrer Kirche“ distanziert hatten. In der 6. und letzten Stufe lebt man im kompletten Einklang mit Gott und der Welt. Das eigene Leben dient als moralischer Maßstab für Andere. Man ist in sich völlig ausgeglichen und weit davon entfernt, über die „Dummheit“ des Glaubens anderer Menschen aufklären zu wollen. Mutter Theresa oder Gandhi haben möglicherweise diese 6. Stufe erreicht. Glück hängt eng damit zusammen, inwieweit es jemand schafft, nicht in einzelnen Phasen stecken zu bleiben, sondern sich weiter zu entwickeln. Ein langjähriges Mitglied der HLT-Kirche im gesetzten Alter wird wenig Zufriedenheit erfahren, wenn es stets in der 2. Phase verbleibt. Ein Kirchenkritiker, der beispielsweise mit viel Engagement und vehement darauf beharrt, die „Wahrheit“ über die Mormonen erkannt zu haben und dies mit Widersprüchen im Hinblick auf das Buch Abraham, die erste Vision oder das Mountain Meadows Massaker belegen zu können, befindet sich nach Fowler in Stufe 3. Auf lange Sicht bleibt auch ihm innere Ausgeglichenheit in weiten Teilen versagt. Gleiches gilt übrigens für Apologeten mit ähnlich ausgeprägtem Sendungsbewusstsein. Toll ist es natürlich, wenn sich jemand in der 4. Stufe die Begrenztheit des eigenen Erkenntnishorizonts bewusst machen kann, um dann später in die 5. Stufe zu wechseln. Nach Fowler ist das Wahrnehmen und Akzeptieren von Widersprüchen kein Grund für Unglück, sondern die Voraussetzung für tiefes, anhaltendes und erfüllendes Glück. Er hat sich seine Theorien übrigens nicht nur einfach so ausgedacht, sondern mit Untersuchungen gestützt. Sein Modell wird weithin akzeptiert. Es ist aus meiner Sicht also unerheblich, ob jemand Mormone ist oder nicht. Wichtig ist der Fortschritt auf den spirituellen Entwicklungsstufen. Natürlich ist es so, dass Mormonen im Durchschnitt sogar länger leben als solche Nichtmitglieder, die sich an ähnlich gesundheitsbewussten Grundsätzen orientieren. Das Wort der Weisheit reicht hier als Erklärung also nicht aus. Würden sich Menschen nur der Verpflichtung unterwerfen, glücklich zu tun, ohne es zu sein, dann würde sie diese Dissonanz vermutlich recht schnell unter die Erde bringen. Die nackten Zahlen sprechen im Falle der aktiven Mormonen allerdings dagegen. Aber es gibt eben auch Mitglieder der HLT-Kirche, die auf den unteren Glaubensstufen verharren und unglücklich sind.

Viele Grüße

Gipfelstürmer

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