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Verfasser: Mykonos
Datum: Dienstag, den 17. Februar 2015, um 13:26 Uhr
Betrifft: Mormonismus, Glaubensdoktrin, und die moderne Wissenschaft

> In diesem Sinne den Mormonismus zu beschreiben, ist eine sehr aufwändige Angelegenheit. Dazu fehlt mir die Zeit...

In der Tat sehe auch ich im Mormonismus stark mystifizierende Tendenzen. In Amerika wurde der Begriff Mormon movement geprägt, und ich finde, kein Begriff bezeichnet dieses Phänomen einer religiösen Bewegung, die sich in immer mehr Fraktionen aufgeteilt hat, besser. Die Bandbreite reicht heute von fundamentalistischen Gruppierungen (die größte davon ist bekanntlich die FLDS) über gemäßigtere (in Missouri die CofChrist, die übrigens die offizielle Rechtsnachfolgeschaft der ursprünglichen Kirche innehat) bis hin natürlich zur LDS in Salt Lake City. Rechnet man alle mormonischen Denominationen und Untergruppierungen zusammen, käme man wohl an die 200, wobei einige von ihnen kaum mehr als einige hundert Mitglieder haben.

Entscheidend dabei sind aus meiner Sicht zwei Aspekte: zum einen die Vielehe. Diese Frage hat zum ersten Schisma der ursprünglichen Kirche geführt. wobei die LDS heute die Lehre vertritt, dass ein Mann zu Lebzeiten nur mit einer Frau verheiratet sein darf, aber der Heilige Bund der ewigen Siegelung im Celestialen Reich weiterbesteht. Die CofChrist hat meines Wissens nach dieses Prinzip völlig aufgegeben, und gemäß der FLDS ist die Vielehe zu Lebzeiten sogar zwingende Voraussetzung, um ins Celestiale Reich zu gelangen. Dies nur einmal zur Bandbreite am Beispiel dieser drei Denominationen.

Der andere Aspekt ist die Sichtweise in Bezug auf Joseph Smith selbst, die Frage des Priestertums, und der Stellenwert der für die Mormonen wichtigen Schriften (außer der Bibel), das Buch Mormon, Lehre und Bündnisse, die Köstliche Perle. Allerdings ist bei den Mormonen, und hierbei würde ich die LDS an erster Stelle sehen, nichts als statisch und unveränderlich anzusehen. Das Prinzip gegenwärtiger Offenbarungen erlaubt es nämlich, Inhalte der Glaubensdoktrin zu ergänzen oder zu ändern, sofern die höchste kirchliche Autorität, nämlich der gegenwärtige President, Prophet, Seer and Revealer, so der offizielle Titel, der einzige Mensch auf Erden, der, der Glaubenslehre gemäß, gegenwärtig alle Schlüssel der Siegelungsverordnungen innehat, eine entsprechende Vision durch die einberufene Generalkonferenz bestätigen lässt. (Beispiele: LuB Abschn. 138, Amtliche Erklärung 1, Amtliche Erklärung 2)

Somit handelt es sich um eine sehr innovative christliche Glaubenslehre, zumal Glaubensaspekte auch durch ständige Bestätigung oder Bereicherung durch kirchliche Autoritäten, aber auch durch Zeugnisgebung einzelner Mitglieder, durch Ansprachen, Predigten. Artikel, Aufsätze (z.B. im Liahona) ihren Ausdruck finden. Und nicht wenige der Generalautoritäten der Kirche haben sich sogar als Buchautoren betätigt, so dass die Glaubenslehre auch in der Buchliteratur reflektiert wird. Aber hier muss ich erst einmal abbrechen, denn man könnte, um das Mormonentum zu charakterisieren,ganze Bücher schreiben.

> Wehe, die Archäogenetik entdeckt Lücken in den dogmatischen Inhalten von Glaubenssystemen (es wird auch in der Wissenschaft vieles nur geglaubt!), dann will man auf Teufel komm raus, an den Offenbarungen festhalten. Also müssen dafür die Apologeten alles versuchen, mittels Umdeuten (Schriftstellen abändern) die Diskrepanz zwischen Glaubensinhalten und wissenschaftlichen Erkenntnissen ( so es denn auch welche sind) zu verkleinern.

Zweifelsfrei ist das so. Mitunter jedoch ändert sich auch die Glaubensdoktrin. Ich möchte an die Sichtweise in Bezug auf das erste Kapitel Genesis erinnern, also der Schöpfungsgeschichte, und die RKK hat das erste Buch der Bibel mittlerweile zu einer inspirierten Schrift relativiert (oder sollte man sagen: degradiert?), weil die Kosmologie als Zweig der Naturwissenschaft zu ganz anderen Erkenntnissen gelangt ist, die man einfach nicht ignorieren kann. Heute gibt es Priester, die mit Begeisterung das Konzept des Urknalls aufgegriffen haben, und der Naturwissenschaft augenblicklich wieder hinterherhinken, weil sie tendenziell alles zur Absolutheit erheben, sofern es ihnen in Bezug auf ihren Schöpfungsglauben kompatibel erscheint, und sie dabei übersehen, dass es sich bisweilen nur um ein naturwissenschaftliches Konzept handel. Sie verstehen nur wenig von Raumzeit und Quantenphysik, von der String-Theorie und dunkler Energie, aber sie erheben wissenschaftliche Konzepte zur Absolutheit, nachdem sie sie (gezwungenermaßen) aufgegriffen haben, weil es für sie zur existentiellen Frage geworden ist.

> Richtig, allerdings nur eine dieser Migrationen, wie ich mal gelesen habe. Aber das wird sich noch ändern. Es ist halt verdammt schwierig, aus den Mitochondrien von alten Kochenzellen brauchbares DNA-Material zu extrahieren. Mein allergrösster Respekt vor denen, die sowas können.

Die Möglichkeiten, DNA-Material zu gewinen, haben sich in den letzten Jahrzehnten ungemein verbesseert. In den Asservatenkammern der forensischen Institute befindet sich heute so viel Beweismaterial, dass jemand, der vor vielleicht zwanzig Jahren einen Mord begangen hat, heute nicht mehr ruhig schlafen kann, weil das FBI oder die Kripo jederzeit an seiner Tür klopfen könnte...  Deinen Respekt vor der Wissenschaft teile ich in dieser Hinsicht vorbehaltlos.

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