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zum Thema Gebet = Placebo?
Seite erstellt am 11.8.22 um 22:07 Uhr
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der Beitrag:
Verfasser: Gunar
Datum: Sonntag, den 1. Oktober 2000, um 0:28 Uhr
Betrifft: derartige Studien

Vor zwei Wochen erschien im österreichischen "Standard" eine Kolumne auf derartige Studien. Ich denke, sie fasst viele Überlegungen geschickt zusammen. Mir hat sie jedenfalls sehr gefallen.

Die Psychologie ist natürlich das entscheidende Element. Vielleicht ist Beten ja wegen seiner Einfachheit so beliebt, man muß den Bebeteten nicht einmal aufsuchen.

Hier jedenfalls der Artikel:

DER STANDARD
Freitag, 15. September 2000, Seite 23  
Kommentar

BLATTSALAT
Mit dem Nagel auf den Kopf

Wie unterschiedlich doch unsere Boulevardblätter die schweren Leiden zu lindern sich mühen, mit denen der laut Cato jämmerlicheVerein, der sich großspurig EU nennt, die österreichische Seele quält und sie vom Glauben an unsere glorreiche Bundesregierungabzubringen sucht! Exakt zum richtigen Termin begann der "Kurier" mit einer Serie Wer glaubt lebt länger (ohne Beistrich), in der erGesundheit durch einen starken Glauben verspricht. Bei entsprechender Glaubensstärke lässt sich nach der ersten US-weitrepräsentativen Studie ein Nettogewinn von durchschnittlich sieben Jahren herauseifern, was zumindest beweist, dass festerGlaube den Ruin der Pensionsversicherungen beschleunigt. Ob das der Sinn der Sache ist?

Über dieser Art von Gesundheitsvorsorge waltet freilich eine Beliebigkeit, die den Heiligen Vater nicht freuen kann. Obgriechisch-orthodox, islamisch, tibetisch oder katholisch: In allen Religionen steckt ein Katalog zum gesunden Leben. Alsbesonderer Jungbrunnen erweist sich zurzeit übrigens der Islamismus. Es ist nämlich so: Gläubigkeit entpuppt sich als Paket, indem alles drinnen steckt, was man zum leiblichen wie seelischen Wohl braucht. Kein Kirchenvater hätte es besser sagen können,aber das hätte selbst Augustinus überrascht: Forscher glauben, dass sich eine Maschinerie von Nervenzellen in der Region derSchläfenlappen mit Religiosität befasst. Es handelt sich dabei um das "Gottes-Modul" im Gehirn.

Wenn in dieser Maschinerie von Nervenzellen eine Schraube locker wird, verdünnt sich Religiosität rasch zu Aussagen wie etwadieser: Von 30 hüftoperierten, älteren Damen in Chicago marschierten die Frommen vergleichsweise flotter. Und es gibt nochheißere Diagnosen. Bei den amischen Mennoniten und den Mormonen etwa liegen die Krebsraten um die Hälfte niedriger, weilsie eben weder rauchen noch Alkohol trinken - aber nicht die Abstinenz, der religiöse Eifer bringt ’s. Eine Gegenprobe untergläubigen, aber tschechernden Katholiken hätte der Wissenschaftlichkeit der Serie keinen Abbruch getan. Dass kettenrauchendeAtheisten ihr Leben am besten freiwillig ausröcheln sollten, wäre nur religiöse Pflicht.

Es sei denn, es würde für sie gebetet. Denn: Kranke, für die gebetet wurde, schnitten um zehn bis elf Prozent besser ab. Hoffentlichelf. Wieso das so ist, weiß der "Kurier" noch nicht so genau: Innerhalb des jungen Forschungsbereichs von Gesundheit undReligion haben Ferngebete einen besonders schweren Stand. Mit gutem Grund. Wenn der Gebetsempfänger nicht weiß, dassihm Fürbitten angedeihen, dann fällt als mögliche Erklärung für eine Besserung der selbst heilende Placeboeffekt weg. Diesekleine Misslichkeit müsste sich leicht beheben lassen: Man bräuchte den Empfänger nur zu informieren, und schon könnte derPlaceboeffekt seine sanitäre Wirkung entfalten.

Aber es ist alles so kompliziert. Fürbitten zu vermessen steckt voller methodischer Tücken. In der Kontrollgruppe dürfte weder einPatient für sich selber beten, noch dürften ihm Fürbitten zuteil werden. Wie soll sich da der Placeboeffekt noch auskennen! DerAusweg, den Forscher aus dem Dilemma gefunden haben: Sie nehmen die Existenz von Gebeten als Konstante hin undmessen die Wirkung von z u s ä t z l i c h e n Gebeten. Womit sich die Frage der Dosierung stellt.

Ganz schön schlau. Bei Schnupfen wird man es - in unserem Kulturkreis - einmal mit zwei Vaterunsern versuchen. BeiNetzhautablösungen etwa könnte man schon drei Ave-Maria und ein Stoßgebet zur heiligen Ottilie verschreiben. Von Herzleidenaufwärts nur noch Rosenkränze, nicht unter zwei Dutzend - Durchgängen und Betenden.

Aber wie dosieren in Fällen kommerziell induzierter Paranoia? Welche Gebete könnten Placeboeffekte auf Cato und Wolf Martinausstrahlen? Wir werden diesen Funktionären in Brüssel, die uns manchmal wie Maden im Speck vorkommen, künftig mehr aufdie Finger schauen müssen, fieberte Cato zum Ende der Sanktionen unter dem seelenstärkenden Titel Wir lassen uns nicht fürdumm verkaufen, begleitet von den gereimten Schimpfkanonaden seines poetischen Schoßhündchens.

Sogar "Krone"-Leser haben erkannt, da helfen keine Gebete mehr. Auf der Leserbriefseite kam Mittwoch ein Konrad Windisch,Wien zu Wort: Der erste Blick . . . in die tägliche "Krone" - Wolf Martin. Immer mit dem Nagel auf den Kopf. Ausgezeichnet unddanke schön!

Bitte schön - wenn ’s hilft!
Günter Traxler

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