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Seite erstellt am 15.4.24 um 7:11 Uhr
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der Beitrag:
Verfasser: sjh
Datum: Montag, den 29. Dezember 2003, um 19:03 Uhr
Betrifft: BILD-Niveau

Hallo Burkhard, Hallo Renate<p>

ich musste schmunzeln über „Du bist in der letzten Zeit die ungeheuerlichste und absolutistische Erscheinung für mich.“.
Das meine ich nicht zynisch, ich fand nur das war mal eine Abwechslung zu den Komplimenten die man sonst so hört. <p>

Aber um mal auf den Ernst des Lebens zurückzukommen. Ich werde nicht meinen Namen für jeden ersichtlich ins Internet stellen, wer würde das denn heutzutage noch machen? Aber ich habe kein Problem damit zu den zu stehen was ich bin, und was ich glaube. Ich heiße auch Sara, wie ich es angegeben habe, und bin im Kaiserslautern Pfahl. <p>

Meinen Mormonenwerdegang beschreibe ich mal wie folgt:<p>
Ich wurde in die Kirche hineingeboren, und litt wie so viele andere auch unter viel zu hohen Anforderungen an meinen kindlichen Geist, und Gesprächen unter Mitgliedern über den Teufel, die mir bis heute Alpträume bescheren. Als ich 13 wurde hörte ich auf in die Kirche zu gehen. Ich tat alles was Körper und Geist schädigen. Genau wie die meisten hineingeborenen Leute, die versuchen sich von der Kirche loszusagen. Ich lästerte und verfluchte die Kirche, und sorgte bestimmt dafür dass etliche Leute niemals mehr von der Kirche etwas hören wollen. Ja, ich tat sogar etwas gegen die Kirche, was ich hier nicht erwähnen möchte, aber was weit über Lästern hinausgeht, und ernsthafte Konsequenzen hatte. Als ich 26 Jahre alt war, spottete mein Lebensgefährte mit dem ich seit beinahe drei Jahre natürlich nicht keusch zusammenlebte, über Mormonen, und ich fühlte plötzlich eine Abneigung gegen dieses ständige Lästern und Spotten. Da konnte ich es noch nicht so einordnen, aber trotz dass ich mich nicht für die Kirche interessierte, fing etwas in meinem Kopf an sich zu ändern. Ich fing an Zusammenhänge zu begreifen. Ich verstand plötzlich dass nicht die Kirche an meiner strengen Erziehung Schuld war, sondern dass meine Eltern schlicht die Lehre missverstanden hatten, ich verstand dass die ganzen Sprüche, vom Teufel, von Leuten kamen, die nichts von der Seele eines Kindes verstehen, und nichts davon, was Jesus und Gott ausmacht, nämlich dass sie das reine Licht der Liebe sind. Ich erkannte, dass all meine schlechten Erfahrungen nicht auf der Lehre basieren, sondern auf den menschlichen Mitgliedern. Wir wissen alle, dass es Leute, die einen an der Waffel haben, geradezu magisch angezogen werden von philosophischen Kreisen. Das ändert aber doch nichts an der Lehre. Ich kann euch wirklich sagen, dass ich ein offener Mensch bin, sonst wäre ich nicht hier und würde mich nicht dafür interessieren was ihr so denkt. Aber die „fundierten“ Fakten prallen an mir ab. Nicht weil ich verbohrt bin, sondern weil ich darüber hinausgekommen bin. Nichts was ihr gesagt habt, hat mich zum Zweifeln gebracht, obwohl ich darüber nachgedacht habe. Die Propheten der Kirche sind auch Menschen, die Fehler machen. Warum sonst hätte Joseph Smith während seiner Übersetzung zeitweise die Gabe verloren? Vielehe etc. ist für mich kein Beweis. Früher war es eben anders, heute ist es so. Dafür gibt es einen Propheten der mit Gott im Gespräch steht. Die jeweiligen Propheten wurden im vorigen Dasein vorordiniert. Durch ihre Berufung, können wir viel lernen und Neues erfahren. Neu Zeiten erfordern manchmal auch neue Bestimmungen. So ist es zu Beispiel mit Tätowierungen und Piercings. Dazu hat sich der Prophet jetzt geäußert. Ich bin übrigens selbst tätowiert und habe fünf Ohrlöcher und ein Bauchnabelloch. Vorher dachte ich, ich gestalte mir meinen Tempel selbst, aber nun verstehe ich, dass es nicht meiner ist, sondern Gottes, und dass es wichtig ist sich von der Masse abzuheben. Ich finde es immer noch schön, aber ich bin bereit darauf zu verzichten. Klar bin ich kein schlechterer Mormone nur weil ich ein Tattoo habe, ich war auch im Tempel diese Jahr um meine Begabung zu empfangen. Aber ich möchte mich von der Masse abheben um zu zeigen, dass es sich lohnt das Gute im Leben zu suchen und zu leben, und darum verzichte ich darauf mit Tattoo und Piercings Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, und versuche stattdessen ein gutes Beispiel zu sein. Das heißt nicht dass ich wie die Amish People herumlaufe. Ich bin modern und trendbewusst wie die meisten Mormoninnen. <p>

Ich möchte euch etwas fragen, und ich bitte um ehrliche Antwort.
Trifft es zu, dass ihr von euren Eltern geschlagen oder gepiesackt wurdet „im Namen der Kirche“ und darum, um endlich der Erinnerung an diese Schmach zu entkommen, der Kirche geradezu den Rücken kehren müsst? <p>

Ich wette viele von euch habe genau das erlebt, und ich kenne auch viele von eurer Sorte. Doch euch entgeht etwas, wenn ihr das alles der Kirche anstatt euren Eltern anlastet.
Viele Propheten der Kirche haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Kinder liebevoll erzogen werden sollen, dass sie ein vertrauensvolles Zuhause verdienen. Doch manche Eltern begreifen es nicht, vielleicht weil sie es selbst nicht anders kennen. <p>

Um auf Politiker einzugehen, der Verfassungsschutz hat sich in Deutschland bestens mit Sekten bekannt gemacht. Gerade christliche Sekten sind unter Beobachtung. In Zeiten des Terrors bin ich dafür auch sehr dankbar, denn darunter gibt es einige wirklich verrückte Bewegungen. Auch Scientology wurde beobachtet und Zeigen Jehovas, was zur Folge hatte, dass erstere nicht einmal als religiöse Gemeinschaft gelten darf, und letztere nicht mehr predigen dürfen, weshalb sie auf der Strasse nun mehr den Mund halten und nicht mehr an der Tür als Zeugen Jehovas zu erkennen geben, sondern als Sprachinteressenverein o.ä. zu tarnen versuchen. Ihr könnt davon ausgehen, dass auch längst mal sich jemand im Auftrag einer Regierung in den Tempel gelogen hat. Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes dass ein Staat, der fundamentalistische Gruppierungen ausmerzen will, nicht nachsieht, was bei heiligen Zeremonien, die der Öffentlichkeit verborgen sind, geschieht? <p>
Weltverschwörungstheroien in allen Ehren, ich weiß auch dass der Verfassungschutz nicht aus Menschlichkeit handelt, doch sind es fähige Leute, die den Auftrag haben, alles aufzudecken was nicht im Sinne der Verfassung ist. <p>
Politiker würden sich bestimmt nicht mit Führern der Zeigen Jehovas treffen, das wäre wahnsinnig schlecht für das Image. Elder Uchtdorf von den Siebzigern hat sich zum Beispiel mit Johannes Rau getroffen. Meint ihr der wäre so blöd sich seinen guten Ruf in Deutschland in seinem Alter noch zu ruinieren?<p>

Ich freue mich übrigens sehr für die Kirche, dass sie die Rechte an www.mormonen.de erklagt haben. Das war vorher eine Seite die mir in der Seele wehgetan hat. Auch ein Verbitterter so wie manche von euch, der ohne zu Zögern die Kirche wie eine Mafia dargestellt hat, die ihn bedroht. Ich kann mir schon vorstellen, dass ihm manches Mitglied die Meinung gesagt hat, aber bestimmt nicht im Auftrag der Kirche, denn die hatte ihn zunächst gewähren lassen. <p>

Ich will euch mal was sagen, ich glaube mit Leib und Seele an diese Lehre, und die wichtigste Aussage ist für mich:Die Liebe höret nimmer auf. Denn darum geht es, das ist das Allerwichtigste. Leider gibt es Gläubige(jeden Glaubens) die Gott uns seine Gebote als Tyrannei darstellen. Das ist wohl kaum richtig, doch jeder muss für sich Gott suchen. Und über diese Menschen hinwegsehen. Für die geht man nicht in die Kirche. Und Heuchler werden im Himmel sowieso nicht sein, denn dass ist eine der schlimmsten Sünden.<p>

Ein Trost, oder?<p>

Was Exmormonen angeht, die in Ruhe gelassen werden wollen. Zum einen braucht man das nur zu sagen, zum anderen gibt es auch den Kirchenaustritt. Natürlich gibt es Mitglieder die darüber traurig sind, wenn einer seinen Glauben hinschmeißt, ist das verwerflich? Vielleicht rufen Heimlehrer hin und wieder an oder Besuchslehrerinnen, aber wollt ihr mir ernsthaft sagen, dass euch jemand angerufen hat und euch bedroht? Das würde kein aufrechter Mormone jemals tun. Das wäre auch ganz klar gegen die Überzeugung der Kirchenführung. Wenn ihr die Nächstenliebe als Terror empfindet, die wohl der Grund für so manchen Anruf empfindet, dann ist euch echt nicht zu helfen. Freut euch doch, dass sich in dieser hektischen Welt jemand um euer Wohl sorgt. Habt ihr den Anrufern denn deutlich gesagt, dass ihr nichts von ihnen haltet, oder habt ihr es nur gedacht? Wenn ja, woher sollen die wissen, dass ihr keinen Bock auf sie habt? Meint ihr, die Kirchennführung hat nichts besseres zu tun als inaktive Mitglieder zu nerven. Wozu?
<p>

Etwas Geschichtliches, die Kirchenmitglieder wurden damals verfolgt. Und Joseph Smith wurde vom Pöbel umgebracht. War das kein Märtyrertod?<p>

Wieviele Gelehrte haben sich in der Geschichte schon umgebracht. Nur nachdenken bringt kein persönliches Glück. Die persönliche Bestimmung zu kennen schon.<p>

Zum Schluß noch, seit wann gibt es in unserer Kirche Befehle? Ich liebe und ehre meine Brüder und Schwestern bestimmt nicht auf Befehl, denn wer kann den auf Befehl Gefühle empfinden? Das ist doch unlogisch. Es gibt Mitgliederbestimmungen, es gibt die Gebote Gottes etc., aber doch keine Befehle. Also wirklich.<p>

Lieben Gruß,
Sara

PS. Aber sicher hört man noch was von mir. 

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