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Verfasser: psverlag
Datum: Dienstag, den 23. Dezember 2003, um 5:48 Uhr
Betrifft: Sind die Feinheiten im Glauben so wichtig?

Liebe Leute, ich habe mal kurz quergelesen in den letzten Seiten, kann also unmöglich wissen, was hier schon abschließend behandelt wurde. Bin außerdem noch kein HLT-Getaufter, prüfe noch. Habe viele Berichte von Aussteigern und Weitermachern gefunden, die sich an Schriftstellen hochziehen bzw. an deren Deutungen. Verstehe allerdings nicht ganz, wie sich Menschen darüber ereifern können, ob 3 Götter nun 2 Götter sind oder eigentlich eher einer mehr oder weniger. Das betrifft allerdings nicht nur die ebengenannten Lager, sondern leider auch die mir bekannten anderen Kirchen (meine Frau russisch-orthodox, ich evangelisch, viele Bekannte katholisch bzw. Moslems). Mir persönlich ist das ziemlich egal, Hauptsache die vertretene These hilft dem jeweiligen Streiter, auch im Alltag als Christ erkennbar zu sein. Ich glaube, über die typischen Grundwerte eines Gläubigen gibt es kaum Differenzen quer über die Religionen. Deshalb vertragen sich anscheinend auch die Basismitglieder oft weit besser als die Kirchenfürsten. Ich sehe allerdings eine positive Tendenz des Wiedervertragens. Ich durfte ohne irgendwelche Liturgieabweichung ganz normal mit meiner Frau kirchlich getraut werden - auch wenn vielleicht die eine oder andere Richtlinie von Oben da nicht ganz dazu gepasst haben mag. Es wurde sogar angeboten, den katholischen (also dem orthodoxen Glauben nahestehenden) Pastor der Stadt hinzuzuziehen. Fand ich nett. Aber unnötig, weil dann ja doch wieder der andere Status meiner Frau eine Rolle spielen würde. Es ging dann also auch ganz normal. Und es war schön.
Schon als ich während des Studiums ein paarmal zu Besuch bei der Vereinigungskirche (Moon) war, beschäftigte ich mich vorsichtshalber mit Sektenchecklisten und der Meinung des Herrn Gandow (Sektenbeauftragter d. ev. K. in Berlin). Ich kam aber nach Einführung in die (mir ja nicht so wichtigen) Feinheiten des Glaubensgerüsts und wohl einem Jahr Briefwechsel mit einer Missionarin zu anderen - viel milderen Einschätzungen. Bester Beweis: Niemand wollte mich belästigen. Ich bin heute eher dankbar für die Gespräche. Und ich sehe keinen Grund, diese Leute nicht mit ins Boot der Ökomene zu nehmen. Die sind doch freundliche, anständig gekleidete, ruhige und drogenfreie Zeitgenossen, die auch nur die Welt verbessern wollen. An der Grundeinstellung, dass man etwas in der Welt bewirken, seine Mitmenschen vor einer offensichtlich vorhandenen Versuchung retten und so Unheil abwenden will, kann ich keinen schwachen Punkt finden. Also lasse ich mich seit dieser Zeit gern auf Gespräche mit Missionaren ein. Bisher kam ich auch mit allen gut aus und bin zur Zeit auch von den Mormonen schwer beeindruckt. Wenn meine Lehrlinge mal so redegewandt, diszipliniert, sozial kompetent, frei von allen Lastern der Zivilisation wären und dazu noch ein festes Ziel im Leben ansteuern würden...
Diese Missionare - nette ganz junge Kerlchen aus Schweiz und USA - sind sich (ganz gegen alle Sektentheorie vom Abkapseln) weder zu schade, stundenlang mit Vertretern anderer Religionen oder gar mit absoluten Heiden über Gott und die Welt zu debattieren, noch schrecken sie vor Besuchen in Gottesdiensten anderer Kirchen und Sekten zurück. Warum haben also diese Jungs, die durch ihre Lage (allein im Ausland, in neuem Lebensabschnitt, ohne Erfahrung und Freundeskreis in Reichweite, unter Erfolgsdruck) eigentlich hochanfällig für Sektengurus sein müssten, keine Angst vor Zeugen Jehovas, Neuapostolischen und der großen evangelischen Kirche? Ich habe diese Angst übrigens auch nicht mehr.
Dagegen hat sich eine Christenlehre-Lehrerin bei unserer ev. Kirche deutlich sektenhaft verhalten, als ich die beiden Missionare zusammen mit meinen beiden Söhnchen mitbrachte, vorstellte und um eine kurze stille Beobachtungschance des Unterrichts für die beiden Missionare bat. Ich hatte den tollen Christenlehrestil erst so gelobt, war dann aber ziemlich platt, als die beiden Jungs wegen Ihres per Schild erkennbaren anderen Glaubens sofort vor die Tür gewiesen wurden. Als ob jetzt beinahe der Leibhaftige hier eingedrungen wäre...
Natürlich wurmt mich erstens, dass jetzt ich - der die Leute mitbrachte - belämmert dastehe vor beiden Parteien. Das hätte mir ein Gemeindemitglied doch eigentlich ersparen sollen. Sogar von ganz normalen anderen wohlerzogenen Leuten würde ich ein anderes Verhalten erwarten. Und zweitens finde ich es auch nicht gerade sehr christlich, fremde Menschen, die einem wirklich nichts getan haben und auch gar nicht danach aussehen, die Tür zu weisen. In der Adventszeit erst recht ein starkes Stück Glaubensbekenntnis, nicht wahr? Wir haben dieses Ereignis aber in der Familie gründlich ausgewertet.
Bei den Besuchen in der HLT-Gemeinde fielen mir positive Dinge auf. Ich durfte am Abendmahl teilnehmen, wobei man sich lediglich nicht sicher war, ob mir das ungetauft etwas nützen würde. Aber man hat es angeboten. Das ist schon einmal einen dicken Pluspunkt wert! Dann wurden in den kurzen Laienpredigten (oder wie man das auch nennen mag) lebensnahe Themen wie die Rettung des Haussegens und Familienglücks, real existierende Nächstenliebe, Bescheidenheit usw. besprochen. Bei aller Ähnlichkeit zu mir gewohntem Gottesdienst (incl. Liedersingen mit sogar recht vielen bekannten Stücken im Gesangbuch) gefiel mir diese auf mich überzeugender, echter wirkende Begeisterung der Leute für ihren Glauben. Hier könnte sich manch Pfarrer eine Scheibe abschneiden. Wenn er will!
In diesem Forum las ich, dass nicht alle Mormonen so heilig wie ihr Glaube sein sollte leben. Das ist eine echte Sauerei. Aber ganz ehrlich - in welcher Massenorganisation gibts keine schwarzen Schafe? Oder direkter: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein in fremde Kirchenfensterscheiben. Bei allen guten Vorsätzen - es ist schon so verdammt schwer, überwiegend ein guter Mensch zu sein. Und bis zu einem Heiligen habe ich sicher noch einen langen Weg vor mir!
Das bringt mich auf den letzten Punkt: Ist Kirche wahr, wenn die Lehre wahr ist - und umgekehrt? In Schriftstellen muss ich als Neuling jetzt passen, aber mein Bauch sagt mir, dass überall, wo Menschen handeln, auch Fehler passieren. Ein von Menschen geschriebenes Buch - ob nun von Goldplatten übersetzt, aus himmlischen Einflüsterungen niedergeschrieben oder frei erfunden - kann also zwangsläufig keine Fehlerfreiheitsgarantie bieten. Das betrifft dann aber ebenso die Bibel wie alle vor oder nach ihr entstandenen Bücher. Vielleicht sollten wir uns so eine Art Relativitätstheorie auch in Glaubensfragen leisten? Ich glaube, wir nehmen den Überbau, also die Erscheinung in Form von Schriftstellen, Zitaten usw., viel zu wichtig und vergessen dabei einen Blick aufs Wesentliche zu richten. Fällt uns nicht auf, dass irgendwie alle Religionen, die eine Weile durchgehalten haben, so eine Art Lehre vom friedlichen nachhaltigen Zusammenleben der Leute sind? Jede davon hat eben ihre Methode entwickelt, um die Leute zur Befolgung von Regeln zu bringen, die mitunter auch erst einmal persönliche Nachteile für die Anwender der Regeln bedeuten konnten. Leider schien ein Biologievortrag vor tausenden Jahren die Leute nicht annähernd so effektiv vor Trichinen geschützt zu haben wie ein mystisch begründetes Verbot des Schweinefleischverzehrs. Ich würde also unterstellen, dass die meisten Schriften nicht einfach so aus Langeweile niedergeschrieben wurden, sondern dem Volk etwas vermitteln sollten. Die Frage war immer nur: Wie sag ich´s meinem Kind. Natürlich hätten Jesaja, Hiob, Moses, Jesus, Mohammed und Smith das Bildungssystem revolutionieren können. Anscheinend wissen die wirklich klugen Leute aber auch, dass wir alle zu 80% mit dem Bauch entscheiden und daher solche Volksschulkurse in Sachen Weltfrieden und Ethik eigentlich Perlen vor die Säue sind. Moralische Hemmschwellen installiert man eben anders fixer.
Frage ich doch lieber danach, was die Propheten erreicht haben oder wenigstens wollten. Und gestehe ich den Propheten dann noch ein paar menschliche Schwächen zu, dann kann ich mich mit dem Feigenbaum, den Jesus offenbar im Jähzorn misshandelte (Vollmachts-Missbrauch?), genauso abfinden wie mit einigen Textstellen in anderen Schriften neben der Bibel. Es bleiben wohl immer noch genug lobenswerte Aussagen übrig, oder etwa nicht?
Wenn ich mir die Prinzipien der HLT ansehe, so wie sie mir die Missionare vorstellten, dann sind das in etwa auch die Jungpionierregeln bzw. die 10 Gebote. Ich kann mir also vorstellen, über diese Kirche nicht schlechter oder besser als über andere Kirchen eine Stabilisierung und Verbesserung meiner guten Charaktereigenschaften zu erreichen. Welche Zeremonien und mehr oder weniger blumigen Begründungen für diverse Regeln und Normen eine Kirche mit sich herumschleppt, sind für mich jedoch drittrangig. Ich beobachte auch gerade nicht nur die Internetdiskussionen um Geld, Zinsen und Religion im Internet (jede Suchmaschine holt mit diesen Stichworten hochinteressante Seiten auf den Monitor), sondern habe eine vielleicht gar nicht so dahergeholte Theorie über die wahre Bedeutung des Fisch-Symbols der Urchristen entwickelt. Ich glaube nämlich, dass hier mit nur 2 Strichen eine exakte Voraussage des Systemcrashs im alten Römerreich vorausgesagt wurde. Und das leitete Jesus wohl aus Erfahrungen Israels aus der Babylon-Zeit her ab. Heute stehen wir wohl bald vor einem ähnlichen Scherbenhaufen, denn ein ewiges Wachstum ist nicht einmal linear denkbar, aber ohne stets beschleunigtes Wachstum gibt es ein Problem mit den Zinsen. Das ist Mathematik, keine Ideologie. Und die Religionen quer über die Kontinente haben´s vorausgesagt und versucht, gegenzusteuern. Bisher erfolgreichster Versuch: Das Judentum. 2000 Jahre Bewahrung von Glaube und Kultur sogar in der Diaspora sind nicht zu überbieten. Mein Buch wird heißen: Und vergib uns unsere Schuld... Und ich bezeuge, dass ich kleiner Mensch darin versuche, wenigstens in die Nähe von Wahrheit zu kommen. Ob mir dabei bislang jemand die Feder führte, oder ob dies später noch passiert, falls ich Teile noch einmal anders schreiben muss - wer weiß?

Ich danke für die eben bewiesene Ausdauer bei meinen unendlichen Geschichten.
Und ich bitte: Verzeiht, wenn ich erst in ein paar Tagen einmal wieder hereinschauen möchte. Irgendwer muss sich bei uns noch um ein Bäumchen kümmern, vieles in buntes Papier einwickeln usw.
Allen Lesern ein frohes unbeschwertes Weihnachtsfest, einen festen Glauben, Ruhe und Geborgenheit sowie angenehme Gäste
und ein leckeres Essen wünscht

Hier kommt wohl jetzt der Nickname drunter?

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