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der Beitrag:
Verfasser: Renate
Datum: Mittwoch, den 18. Dezember 2002, um 19:37 Uhr
Betrifft: Subtile Taktik der Sekten

Holger schrieb in seinem Beitrag "Abschied vom Mormonismus" u.a. Folgendes:

>Meiner Ansicht nach kann eine Ablösung nur dann vollständig sein, wenn der oder die Betreffende die Frage nach dem "Warum" gestellt hat.

Das sehe ich auch so. Denn wenn man sich im Klaren darüber ist, wieso man Mitglied wurde - und jetzt meine ich nicht die Ãœberzeugungsarbeit der Missionare - ist man gleichzeitig besser davor geschützt irgendeiner anderen "heilsbringenden" Sekte zu verfallen. Also sollte man sich ganz ehrlich fragen, was hat tatsächlich dazu geführt, dass ich mich taufen ließ? In  welcher Lebensituation war ich damals? Was habe ich gesucht?

Jeder Mensch hat nun mal seine Höhen und Tiefen im Leben und wenn man sich gerade "tief unten im Tal" befindet, zeigen Heilsversprechungen selbstverständlich große Wirkung. Denn da ist plötzlich jemand, der vorgibt die Lösung deiner Probleme zu kennen, der dir Verständnis, Aufmerksamkeit, Liebe und damit Sinn vorgaukelt.

Denn genau darum geht es:

Der Mensch will anerkannt und angenommen sein, er will Sinn für sein Leben erkennen können. Sekten erwecken den Eindruck diese Bedürfnisse befriedigen zu können. Nicht weil sie das tatsächlich können, sondern weil sie das Wissen um genau diese Bedürfnisse benützen um darauf ihre Überzeugungs-Taktik aufzubauen. Wenn sie dann auf einen Menschen mit Defiziten in diesen Bereichen treffen, werden ihm diese Überbringer der "neuen Botschaft" wie rettende Engel erscheinen. Denn da ist plötzlich jemand, der ihm das gibt, was ihm fehlt, der wie durch ein Wunder seine Probleme kennt und auf sie eingeht. Also glaubt er an "göttliche Fügung".

Tatsächlich ist es nichts weiter als oberflächliche Kenntnis der menschlichen Psyche und deren Bedürfnisse, also Berechnung. Wenn man sich darüber klar ist, kann man bei so einer Begegnung schon viel kritischer reagieren und versuchen erstmal objektive Informationen über diese "Botschaftsüberbringer" einzuholen, bevor man sich - wenn überhaupt - auf mehr Kontakt mit ihnen einlässt.

Einen klaren Kopf zu behalten, ist da sehr wichtig, egal wie sympathisch diese Leute auch wirken. Denn die wahre Absicht dahinter ist nicht leicht zu erkennen, zumal die Ãœberbringer - weil selbst Opfer -  es auch wirklich ehrlich meinen und sich bemühen, da ihnen nun mal indoktriniert wurde, alle Menschen erretten und lieben zu müssen. Sie sind sich der an ihnen vorgenommen Manipulation nicht bewusst, auch nicht, dass sie deshalb ihrerseits genau dadurch selbst manipulieren. Man will in einer negativen Lebenssituation oder Krise nur zu gerne glauben, dass man endlich einmal angenommen und verstanden wird. Genau da setzen Sekten an, weil die Wahrscheinlichkeit solche Menschen ködern zu können, sehr hoch ist.

>Die Betrachtung des eigenen Werdeganges und die ehrliche Hinterfragung bezüglich der Gründe einer Mitgliedschaft, muss sowohl ein Konvertierter, als auch ein "Geburtsmormone" mit seinem Ablösen stellen.

Was nun die "Geburtsmormonen" betrifft, da finde ich die Situation schon weitaus schwieriger, was die Hinterfragung betrifft. Man muss da mit ganz anderen Maßstäben messen. Ich bin keine Geburtsmormonin, also kann ich nur versuchen nachzuempfinden, wie sich so jemand fühlt. Denn es ist nun mal so, das gerade die frühen Jahre der Kindheit einen Menschen generell am stärksten prägen. Das ist auch gleichzeitig der Zeitraum, in dem ein Mensch noch nicht in der Lage ist, wirklich kritisch zu denken, da er von seinem Umfeld, sprich Elternhaus plus allem was damit zusammenhängt, völlig abhängig ist.

Deshalb gilt auch meine besondere Bewunderung und mein Respekt denjenigen, die in eine Sekte hineingeboren wurden und es trotzdem schaffen, herauszufinden. Ihr Weg war und ist so unendlich viel schwerer. Es bleiben Narben zurück, die sich ein Konvertit nicht annähernd vorstellen kann, die immer wieder spürbar werden, das neue Leben beeinflussen können und oft verzweifeln lassen. Ist es doch eine völlig neue Lebenssicht, mit der sie nach ihrem Ausstieg konfrontiert werden. Denn fast alles, was sie vom Beginn ihres Lebens an gelernt haben, gilt plötzlich nicht mehr.

Aus diesem Grund gilt mein Vorwurf und Unverständnis besonders denjenigen, die irgendwann in ihrem Leben konvertierten, aber trotz aller Zweifel nicht den Mut fanden sich zu lösen und ihre Kinder in diesem - längst durchschauten - Glauben, der - auch für sie offensichtlich - als Krückstock für ihren Lebensweg dient, zu erziehen. Mit allen Konsequenzen, vor denen sie feige die Augen verschließen. Ich weiss wovon ich spreche, denn es gibt leider so einen Fall in meiner Familie. Für mich ist das gleichbedeutend verwerflich, wie, dass jemand bewusst seine Kinder schlägt, weil er selbst als Kind geschlagen wurde und auch noch der Meinung ist, das sei richtig so.

Meiner Meinung nach, müsste jeder Gläubige schon beim geringsten Zweifel beginnen nachzuforschen und sich den Resultaten stellen, egal welche Auswirkungen sie auch immer auf das zukünftige Leben haben mögen. Alles andere ist Selbstbetrug. Was aber noch viel schlimmer ist, es ist ein Verbrechen und Betrug an denjenigen, für die man Verantwortung trägt, wie den eigenen Kindern, oder einem anvertraute Kinder, z.B. bei Erziehungs- und Lehrtätigkeiten innerhalb der Sekte.

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