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Beitrag 6 von 12
zum Thema Widmung an John Doe alias Rene Krywult
Seite erstellt am 19.8.22 um 16:53 Uhr
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der Beitrag:
Verfasser: James
Datum: Sonntag, den 26. November 2000, um 11:48 Uhr
Betrifft: Die Gefühle

Mark schrieb u.a.:

"Ich hoffe, das ich nicht fürchterlich gegen Regeln verstoße, wenn ich mit einem Tarnnamen hier auftrete, ..."

Ich denke einen "Tarnnamen" hier zu benutzen ist nicht das/ein Problem, es verstößt nicht "fürchterlich gegen Regeln," wobei der einzige, der das zu bestimmen hat ist Gunar. Entscheidend ist das Motiv. Du selbst gibst, nach meiner Meinung, ein legitimes Motiv: "... jedoch ist es mir aufgrund der ’ Kaffeeklatsch’-Mentalität der meisten Mitglieder der HLT nicht anders möglich, sagen wir so, meine Kreise zu bewahren."

Völlig verständlich. Anders verhält es sich wenn man bewußt täuscht und lügt und daraufhin auch noch angesprochen wird und es verleugnet. Mal davon abgesehen, daß man sich selbst der Lächerlichkeit hingibt.

"Ich finde dieses Forum sehr interessant, aktiviert es doch auf erfreuliche Art und Weise meine Hirnwindungen, die auf dem Weltanschaulichen Sektor schon eine Weile brachgelegen haben."

Erfreulich!

"Es gibt allerdings etwas, was ich euch gerne fragen möchte:  Ihr wart ja alle mal aktive Mitglieder und wie James (ich picke ihn einfach stellvertretend heraus, da ich ihn von Firesides und anderen Gelegenheiten auch persönlich kenne( ich hoffe, er ist mir nicht böse)) ’voll des Geistes’ ."

Bin ich froh, daß noch "jemand" die Wort von Christiane untermauert. War mit schon fast peinlich.

"Na ja, eben von dem, was ihr sagtet 150% überzeugt. Ich habe als ’Mitläufer ’ eure Ausstrahlung verspürt, die Wahrheit ’?’ hinter euren Worten.  Wenn ich die Medallie nun von der anderen Seite betrachte, was habe ich wirklich gespürt?  Ist es nur etwas auf psychologischer Ebene erklärbares, oder gibt es ’transzendente Welten’.  Wie ich die Wahrheit gesucht habe, ist mir bewußt geworden, das es mehrere Möglichkeiten gibt, Erfahrungen zu machen. Eine, so dachte ich mir, ist die unter Zuhilfenahme meiner natürlichen Sinne. Die andere über eine irgendwie unfaßbare spirituelle Begegnung und Öffnung der geistigen Sinne.  Zugegebenermaßen, ist das geistige im laufe der Jahre verkümmert, doch die Sehnsucht nach einem geistigen Halt ist nach wie vor da.  Das, obwohl ich mitten im Leben stehe, selbstbewußt bin und , wie ich von mir selbst meine, nicht auf Andere oder Richtungsweiser angewiesen bin."

Denke, diese Frage ist ein ganz entscheidende Frage. Elementar. Die Frage mit der sich jeder HLT dessen Hirnwindungen ... schon eine Weile brachgelegen haben," und zwangläufig reaktiviert werden, stellen muß. Genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, ist die Frage nach eben den "Gefühlen." Jedoch ist es ein Fakt, daß der Mormonismus jedem Mitglied sagt (so schon die Missionare in ihren einführenden "Diskussionen"), wie es richtig (!) zu fühlen hat. Die Kirche hat die Gefühlswelt definiert und bestimmt. Dies zu analysieren und zu entlernen, besser zu "entfühlen," gilt es. Wenn man einmal die Prozesse des "Fühlens" begriffen hat, kann man m.E. nach nicht mehr sorglos fühlen. Die Denk- bzw. Fühlwelt wird grundsätzlich von Generation zu Generation übertragen, Eltern auf Kinder. Wunderbar ausgedrückt von H. J. Campbell, Der Irrtum mit der Seele, München 1973, S. 247f.:

"Es ist ja wohl tatsächlich so, daß die überwiegende Mehrzahl der Christen Kinder von Christen sind, und dasselbe gilt für die Anhänger anderer Religionen, für Juden. Moslems, Hindus, Buddhisten und sogar für die »Unterabteilungen« der Religionen, für Katholiken, Protestanten, Anglikaner, Mormonen, die Zeugen Jehovas, Baptisten und alle anderen. Es ist
der unumstößliche Beweis dafür, daß fast alle Gläubigen die religiösen Ansichten übernommen haben, die ihnen ihre Eltern und die von ihren Eltern ausgewählten Priester beibrachten. Bei so vielen zur Auswahl stehenden Religionssystemen würde genau der entgegengesetzte Effekt zu erwarten sein, wenn sich jeder einzelne mit Hilfe seiner eigenen Vernunft für eine der
Religionen entschiede. Die unaufhörlichen Wiederholungen der verkündeten »Wahrheiten«, die ständigen Behauptungen, der Glaube sei ein gerechtfertigter Ersatz für Wissen, die wiederholten Aufforderungen zur Buße und die Drohungen mit schrecklicher Vergeltung auf Erden oder nach dem Tode, die fortwährende Betonung der Feindseligkeit gegenüber anderen Glaubenssystemen: Das alles kennzeichnet den langsamen Prozeß der Einpflanzung von Glaubensmeinungen, die gewöhnlich als Gehirnwäsche bezeichnet wird."

Dies allein ist ein Grund um sehr nachdenklich zu werden. Ich nenne es das Phänomen, das auch viele andere Menschen, Religionen, "wissen," ebenso starke Gefühle durch den "Geist" haben und mitteilen. Das erfährt man natürlich nur, wenn man sich mit ihnen unterhält, zuhört etc., anstatt sie "belehrt" und versucht zu bekehren.

Was von HLTs "erwartet" wird , wird hier z.B. deutlich:

Dallin H. Oaks, Mitglied des zweithöchsten Gremiums der Kirche, dem "Rat der Zwölf," und damit im Amte eines Apostels, beschreibt den obigen Vorgang mit erstaunlicher Offenheit wenn er sagte:

"Unsere individuellen, persönlichen Zeugnisse basieren auf dem Zeugnis des Geistes, nicht auf einer Kombination oder Ansammlung von historischen Fakten. Wenn wir auf solchen Boden stehen kann keine Veränderung von historischen Fakten unsere Zeugnisse erschüttern." (CES Doctrine and Covenants Symposium 1985, Brigham Young University, Provo, 16. Aug. 1985, S. 26)

Irre? Kommt noch besser! Erschüttern tut eher noch die folgende Aussage von Apostel Boyd K. Packer, ein potentieller Kandidat auf das Amt des Präsidenten der Kirche:

"In der Kirche sind wir nicht neutral. Wir sind einseitig. Es herrscht ein Krieg und wir sind darin beteiligt." (Boyd K. Packer, The Mantle is Far, Far Greater Than The Intellect, Brigham Young University Studies, Summer 1981, Bd. 21:3, S. 267)

Menschen glauben immer wieder die eigenartigsten Dinge, weil ihr Wunschdenken sie dazu antreibt. Trotz offenkundiger und überprüfbarer Tatsachen tun sie es immer wieder, weil es schwieriger ist die eigene Voreingenommenheit, Vorurteile und Gewohnheiten in Frage zu stellen oder sogar aufzugeben. Menschen fällt es schwer anzuerkennen, dass sie Fehler
machen oder falsch liegen. Menschen ist es oft genug lieber eine "Komfortzone" zu haben, anstatt den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Die Komfortzone zu verlassen bedeutet auch, eine Sicherheitszone zu verlassen. Den Mormonismus zu untersuchen bedeutet auch Menschen in ihren Komfort- bzw. Sicherheitszonen zu erleben. Komfort, Sicherheit u.ä. haben so tiefgreifend mit der Gefühlswelt zu tun.

Man ist lange bereit, man "muß" sogar machtvoll fühlen und "wissen" um seinen eigenen HLT-Mikrokosmos leben zu können. Sonst hätte man ja z.B. 23 Jahre sein Leben "nutzlos" mit einer Religion verbracht. Man bedenke wie schwer es Menschen fällt solche fundamentalen Fehler "anzuerkennen." Ich erinnere z.B. nur daran, wie viele Zeugnisse es von Nazis ("klein" und "groß") die ihre belegbare Schuld zugeben. Eine große Handvoll, nicht mehr. Vor dem ersten Nürnberger Tribunal gab ein (!) Angeklagter eine Schuld zu. Jahre später gab Eichmann vor Kameras live zu Protokoll: "Reue ist etwas für kleine Kinder." Die Oberaufseherin von Bergen-Belsen: Ich habe nichts gemacht." Diese Denk- bzw. Fühlstrukturen sind identisch beim Schuldigen: Selbstverleugnung. Der Mensch neigt dazu voreingenommen zu sein, eine  Bestätigungvoreingenommenheit", eine Tendenz, zu haben. Ist mir dies nicht bewußt, hinterfrage ich mich nicht selbst, meine Positionen und mein Gegenüber, bin ich diesen gnadenlos ausgeliefert.

Wenn Dich diese Frage wirklich interessiert, ich denke sie sollte es, dann solltest Du Dir diese grundlegende Literatur besorgen. Im Internet gibt es sicherlich auch einiges dazu:

1) Euler, H. A. und Mandler, H. (Hrsg.), Emotionspsychologie, München, 1983

2) Schachter, S. und Singer. J.E., Cognitive, Social and Psychological Determinations of Emotional State, in: Psychological Review, 69, S. 379-399, 1962

3) Ulrich, D., Das Gefühl, München, 1982

4) (!) Ash, S.E., Opinions and Social Pressure, in: Scientific American, 193, S. 31-35, 1955

5) (!) Milgram, S., Obedience to Auhority. London/New York, 1974

6) (!) Milgram, S., Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek, 1974

7) Dardenne, B. und Leyens, J.P., Confirmation Bias as a social skill, Personality and Social Psychology Bulletin 21, S. 1229-1239, 1995

8) (!) Evans, J.S.B.T., Bias in Human Reasoning. Causes and Consequences, Hillsdale, 1994

9) (!) Nickerson, R.S., Confirmation Bias: A ubiquitous phenomenon in many guises, Review of General Psychology 2, S. 175-220, 1998

10) (!) Gilovich, T., How we Know What isn’t So: The Fallibility of Human Reason in Everyday Life, New York, 1991

11) (!) Forer, B.R., The fallacy of personal validation: A classroom demonstration of gullibility, Journal of Abnormal and Social Psychology, 44, S. 118-123, 1949 (Hier und da gibt es evtl. neuere Ausgaben. Das sind jedenfalls meine Unterlagen bzw. Literatur der Jahre. Habe jetzt keine Zeit und Lust sie zu aktualisieren, jedenfalls nicht hier und jetzt.)

Danach bis Du "geheilt." Insbesondere wenn man den Versuch unter 11) in leicht abgewandelter Form in z.B. einer HLT-Klasse durchführt. Danach erlebst Du drei Reaktionen: 1) Schweigen der großen Masse, 2) Betroffenheit bei einer kleinen Minderheit (die Gehirn und Gefühlswindungen kommen in Wallung) 3) Eine weitere kleine Minderheit gibt vehement "Zeugnis" a la Packer und Oaks. Berlin hat ja auch durchgehalten bis zur letzen Patrone, und das Irre ist, obwohl der "Führer" vorbildhaft sich längst verdrückt hatte. Göbbels auch, und Himmler war auf der Flucht. Wie bereits oben erwähnt, durch das oberflächliche System hindurchschauen, auf den Kern, auf die Denk-bzw. Fühlstrukturen. Wenn man dann erkennt und erfühlt, daß man sogar Teil eines Systems wahr, das ist schon erschreckend und treibt so manchen in die Reihen wieder zurück. Denn welchen "Lohn" gibt es außerhalb des Systems? Jedenfalls keinen "celestialen." Höchstens Ruhe, Integrität, Offenheit, Ehrlichkeit und ... mehr Zeit!;-)

Grüße, James

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