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Verfasser: Gipfelstürmer
Datum: Dienstag, den 13. Januar 2009, um 23:46 Uhr
Betrifft: Let’s agree to disagree

Hi Sappho,

mir ist klar, dass wir bei diesem Thema wohl nicht zusammenfinden werden. Da gebe ich mich auch keinen Illusionen hin. Ich find’s aber grundsätzlich gar nicht schlecht, dass Du ein Buch schreibst. Meine Kirche wäre heute vermutlich kein besserer Ort ohne ihre Abtrünnigen und Kritiker. Auch die Diskussionen um ihre Aktivitäten rund um die California Proposition 8 tun ihr vermutlich letztendlich gut. Ich meine das ganz erst und halte es mit Peter de Rosa, der in seinem Buch „Der Jesus-Mythos“ auf Seite 11 schreibt: „… kein Fortschritt ist je ohne den Skeptiker gemacht worden.“ Deswegen werde ich Dein Buch auch lesen. Allerdings nicht unbedingt als Geschichtsbuch mit wissenschaftlichem Anspruch. Jan Shipps erörtert in ihrem Werk „Sojourner in the promised land: Fourty years among the Mormons“ die enormen Schwierigkeiten, wenn es darum geht, die Historie einer Religionsgemeinschaft wie die der HLT-Kirche zu verfassen. Über die Geschichtsschreibung durch Ex-Mormonen äußert sie auf Seite 179 Folgendes: „In some (perhaps many) instances, study of the community’s history appears to be a surrogate for lost faith. In other instances, however, it becomes an effort to find hard evidence that can serve as justification for abandoning the community’s creedal base. If it is the latter and if the interest in history becomes a preoccupation that leads to writing about the community, very often the outcome is history that is tendentious in the extreme … such slanted accounts do not provide good models for the scholarly writing of denominational history…“. Ich sehe die Sache genauso. Du bist von der Ausgewogenheit Deiner Schlussfolgerungen offenbar sehr überzeugt und führst an, dass man Deine Aussagen jederzeit nachprüfen kann. Als Beispiel dafür zitierst Du eine kirchenkritische Internetseite mit der Übersetzung eines Werkes der Tanners. Genau das meine ich. Sowas ist keine solide Quelle für eine geschichtliche Abhandlung. Ich habe die Diskussionen um die Frage, wie historische Realität aus historischer Interpretation entsteht, in den späten 70er und 80er Jahren ein wenig verfolgt. Besonders die Arbeiten von William D. Dean haben mich hierbei beeindruckt. Die ganze Sache ist meiner Einschätzung nach höchst anspruchsvoll. So eine Internetseite wie die von Dir erwähnte würde bei einer kritischen Quellenanalyse im Rahmen einer seriösen Geschichtsschreibung vermutlich gleich aussortiert werden. Mir fehlt der Anlass zu der Hoffnung, dass Dein Buch einen genügend hohen Grad an Unvoreingenommenheit und an gebotener Zurückhaltung aufweisen wird. Aber gut, das muss es wie gesagt auch gar nicht. Es wird sicher nicht in einem annähernd vergleichbaren Maße zur „Aufklärung“ im geschichtlichen Sinne beitragen können wie die Werke von Michael Quinn, Jan Shipps oder Richard Bushman. Es wäre auch unfair, so etwas zu erwarten. Aber Dein Buch verdeutlicht möglicherweise, welches Bild frühere Mitglieder der HLT-Kirche von ihrer früheren Religion entwickeln können, welche Kritik sie an ihr äußern möchten, welche Quellen sie bei der Entwicklung ihres „neuen Weltbildes“ herangezogen haben usw. Das ist zwar alles recht subjektiv, weil es „nur“ Deine Erfahrungen und Ansichten widerspiegelt, aber dennoch wertvoll. Und ich würde das sogar auch als eine Art „Aufklärung“ bezeichnen. Dein Buch kann möglicherweise im Sinne des obigen Zitats von de Rosa dazu beitragen, den Finger auf Wunden zu legen, damit die HLT-Kirche nicht stagniert.

Ich meine das ernst und nicht ironisch. Jedenfalls bin ich gespannt auf Dein Buch.

Viele Grüße

Gipfelstürmer

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