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Verfasser: Nyu
Datum: Sonntag, den 22. Februar 2004, um 18:33 Uhr
Betrifft: bez. Dein Schulaufsatz

Hallo Franzi,

1. Frage: welchen Zwängen ist man beim Ausstieg ausgesetzt?
Ich nehme mir mal die Freiheit, Zwang, so wie Du es hier brauchen kannst, zu definieren:
Bezogen auf Religion kann ein Zwang eine Nötigung oder eine Forderung sein, die sich auf mich anwendet. Diese Nötigung oder diese Forderung kann aus mir selbst heraus kommen (Bsp. ich setze mich selbst unter Druck), kann sich aus meinem Gottesbild ergeben oder kann von der Gemeinschaft und der Verwandtschaft kommen.
a. ich-bezogene Zwänge: viele, die die Kirche verlassen, scheinen fast den Verstand zu verlieren. Sie wissen, dass das, was sie tun, richtig ist und sie spühren intuitiv, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als der Kirche den Rücken zu kehren. Da sie aber über Jahrzehnte mormonisch gedacht und gefühlt haben, fühlen sie sich jetzt verloren, weil ihnen Widerstände das Leben schwer machen. Bei vielen verschwimmt die Gewissheit immer wieder. Sie werden geplagt von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen. Diese Gefühle sind durchaus eine Forderung die wir uns quasi selber stellen, die aber nur aus unserer Prägung geboren ist.
Unser Verstand sagt, dass wir mit unserer Annahme, die Kirche betreffend, richtig liegen und das wird uns auch immer wieder bestätigt, wenn wir erst einmal gewagt haben, nicht nur über den Tellerrand zu schauen, sondern den Teller ganz zu verlassen.
Unser Herz sagt uns, dass die Wahrheit grösser und schöner ist als die Mormonen das gerne hätten.
Dennoch befinden wir uns im ständigen Kampf mit uns selbst: was ist, wenn wir doch unrecht haben und die Kirche doch irgendwie wahr ist und ich das nur nicht verstanden habe?
b. Zwänge aus dem Gottesbild: der Gott, der den Mormonen gelehrt wird, vertritt den Grundsatz: "Nach allem, was du tun kannst, wirst Du aus Gnade errettet." Damit ist gemeint, dass man beständig nach Vollkommenheit strebt und wenn man dann alles getan hat, was man tun konnte, dann errettet einen zum Schluss die Gnade, nachdem man "bis zum Ende ausgeharrt hat." Dieses Gottesbild kann einen ausbrennen. Es ist aber sehr gut möglich, dass man dieses Bild nach der Lossagung von der Kirche noch beibehält. Mit unter können sich dann die Schuldgefühle noch verstärken. Und wenn man diese Schuldgefühle nicht mehr verspühren sollte, dann meint man vielleicht, man sei schon so sehr abgefallen, dass das Gewissen sich abgestumpft hat und man womöglich vollends verloren ist.
Das sind so die Gedankengänge, die einen zum Wahnsinn treiben können und die sich tatsächlich aus dem Gottesbild ableiten lassen.
c, Zwänge, die von anderen kommen: wenn alle oder viele Menschen, die Dir etwas bedeuten, noch stark in der Kirche sind und entsetzt und besorgt über Deine neusten Entwicklungen sind, dann stellt die Gemeinschaft damit Forderungen an Dich. Die meisten dieser Forderungen stellt sie nicht verbal, sondern non-verbal. Sie fordert, dass Du Dich, solltest Du wieder die Versammlungen besuchen, dort zurückhältst und nicht Deine Meinung laut verkündest. Sie vermittelt Dir ein Gefühl von Geringschätzung, weil sie die Gründe für diesen Zweifel in Dir zu finden glaubt. Häufig ist es auch so, dass sich Freunde und sogar Verwandte abwenden und Dir offen mitteilen, dass sie von Dir enttäuscht sind. Dennoch wagt es kaum einer, Dich aufrichtig nach den wahren Gründen für Dein Verhalten zu befragen. Sie trauen sich nicht, Dich zu fragen, weil sie meinen, "Glaubensabfall" sei eine Krankheit, mit der man sich ansteckt, wie an einer Grippe. Du bist ein Problemfall geworden, wo die Kirche doch nun wirklich schon genug Probleme hat. Somit fühlen sie sich auch nicht zuständig. Nur die Heimlehrer oder der Bischof bzw. der Pfahlpräsident behandeln solche Problemfälle. Somit sehen sich die Mitglieder nicht in der Verantwortung und fühlen sich sowieso überfordert.

2. Frage: Worin besteht die Schwierigkeit des Ausstiegs?
Auch wenn diese Frage im Grossen und Ganzen schon durch die Antwort auf die erste Frage beantwortet worden ist, geht sie dennoch weiter.
Die Schwierigkeit beim Ausstieg aus einer Religion wie der HLT-Kirche besteht darin, dass man nicht nur einige Verhaltensweisen ändert. Die Kirche hat viel tiefer bestimmt, wer Du selbst bist, wie Du Gott zu sehen hast und wer Deine Freunde sind, als das ein Verein oder eine Partei könnte.
Wenn Du all das verlierst, stellst Du Dein Leben auf neue Füsse, wenn es überhaupt noch geht.

Henning

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